Leseprobe

 

Die Demo

Demonstrieren tat ich für mein Leben gern. Ich fand es mindestens so gut wie auf Konzerte zu gehen. Es war dieses wunderbare Gefühl mit möglichst vielen Leuten dagegen zu sein. Wogegen erfuhr ich oft erst, wenn ich schon da war. Flugblätter las ich nur selten und bei Redebeiträgen hörte ich gar nicht zu. Es fiel mir schwer, mich auf die Inhalte zu konzentrieren.

Ich hatte Wallraffs «Industriereportagen» gelesen und wusste daher: Ein Großteil der Menschen in diesem Lande führten ein so abgestumpftes Dasein, dass sie sich nur durch die Hoffnung auf einen Lottogewinn noch über Wasser halten können. Wallraff als Hans Esser bei Bild hatte ich auch gelesen und so wusste ich auch, dass die Mehrheit in der Bevölkerung aus leicht manipulierbaren Vollidioten besteht, die nichts mehr genießen, als sich von der Bild gegen arme Schweine und Minderheiten aufhetzen zulassen.

«Der kleine Unterschied und seine großen Folgen» von Alice Schwarzer nahm ich mir erst später vor und tat es vor allem deswegen, weil mir andauernd vorgeworfen wurde, ich sei genau wie sie. Ich wollte endlich mal wissen, was die überhaupt zu sagen hat. Mir war auch so längst klar, dass ein Leben als Ehefrau ohne Würde und mindestens trostlos ist. Oft ist die familiäre Atmosphäre sogar noch von häuslicher Gewalt bestimmt, in der Regel hervorgerufen durch ein eingebildetes Arschloch, das sich am Arbeitsplatz alles gefallen lässt, aber dann zu Hause seinen Frust austobt.

Dieser Normalzustand allein erschien mir schon völlig unerträglich und doch war das noch lange nicht alles. Dazu kommen noch allerlei Anstalten,die dazu dienen, Menschen einzusperren, die nicht so funktionieren wie sie sollen, und ihnen den Willen zu brechen. Da sind zum Beispiel Erziehungsheime, Klapsmühlen, Gefängnisse und so weiter. Und damit noch immer nicht genug. Es gibt noch alte und junge Nazis, Stationierung von Mittelstreckenraketen, Atomkraftwerke, Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt.

Ich stimmte hundertprozentig mit dem Slogan «Das System hat keine Fehler, es ist der Fehler!» überein. Jedenfalls brauchte ich wirklich keine Einzelheiten zu wissen, um dagegen zu sein und demonstrieren zu gehen.

Zusätzlich motivierte mich ein beinahe unerschöpfliches Potential an jungen attraktiven Männern, die es auf solchen Veranstaltungen zu sehen gab. Die konnten dann sehen, dass ich zu denen gehörte, die auch gern auf Demos gehen. Am besten fand ich diejenigen, die außerdem noch bei Konzerten anzutreffen waren.

Der Faktor «sehen und gesehen werden»spielte überhaupt eine sehr wichtige Rolle.